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Coaching-Fragen für Führungskräfte: Fragen fürs Mitarbeitergespräch

Coaching-Fragen für Führungskräfte, sortiert nach Anlass: Fragen fürs 1:1, für Stärken und Motivation, für Entwicklungswünsche und für das Überlastungsgespräch.

Von Katharina Roth ⏱ 9 Min. Lesezeit
Titelgrafik: Coaching-Fragen für Führungskräfte – Reihe Klar führen, Band 2

Dienstag, 10:00 Uhr, dreißig Minuten, Jour fixe. Er liest seine Liste vor – offene Angebote, zwei Reklamationen, der Stand beim Großkunden –, sie nickt, stellt eine Rückfrage zur Liefertermin-Tabelle, und nach zwölf Minuten ist Schluss. Beide gehen mit demselben stillen Gedanken auseinander: Das hätten wir auch per Mail erledigen können.

Beide halten den Termin heimlich für verzichtbar. Und beide irren sich. Denn er ist der einzige Raum, in dem die beiden sprechen, ohne dass ein Kollege danebensteht oder ein Kunde in der Leitung wartet. Wer ihn absagt, spart eine halbe Stunde – und verliert den einzigen Ort, an dem Themen auftauchen können, die in keiner Liste stehen: die schleichende Überlastung, der Ärger über die neue Zuständigkeitsregelung, die Idee, die seit Wochen in der Schublade liegt.

Das Problem ist nicht der Termin. Das Problem ist, wem das Gespräch gehört. Eine Statusrunde gehört der Liste, ein gutes Mitarbeitergespräch gehört dem Mitarbeiter – und der Weg von der einen Form zur anderen führt über andere Fragen. Hier sind die wichtigsten, sortiert nach Anlass.

Wie Sie mit diesen Fragen arbeiten

Alle folgenden Sets sind Pfade, keine Fragebögen. Stellen Sie drei bis fünf Fragen pro Gespräch, halten Sie die Reihenfolge grob ein – öffnen, vertiefen, zuspitzen, vereinbaren – und wechseln Sie die Auswahl von Termin zu Termin. Zehn gute Fragen in dreißig Minuten wären ein Verhör; drei gute Fragen mit echtem Zuhören dazwischen sind ein Gespräch.

Und planen Sie die Pausen mit ein: Nach jeder Frage und jeder Antwort vier Sekunden Stille. Die erste Antwort ist meist die sozial glatte („Passt schon.“), der zweite Satz nach der Pause der eigentliche. Mehr zur Technik dahinter finden Sie unter Fragetechniken für Führungskräfte.

Fragen fürs 1:1 und den Jour fixe

Ziel: aus der Statusabfrage ein Gespräch machen, das dem Mitarbeiter gehört – mit mindestens einer Erkenntnis, die in keiner Excel-Liste steht.

  1. „Was war für Sie die wichtigste Sache seit unserem letzten Gespräch?“ – Der Einstieg dreht die Blickrichtung um. Achten Sie darauf, was er auswählt; die Auswahl verrät oft mehr als der Inhalt.
  2. „Worüber sollten wir heute unbedingt sprechen, damit sich die halbe Stunde für Sie lohnt?“ – Übergibt offiziell die Tagesordnung und erzieht Ihr Gegenüber dazu, vorbereitet zu kommen.
  3. „Was läuft gerade so gut, dass wir es nicht kaputtmachen sollten?“ – Keine Nettigkeit, sondern Information: Sie erfahren, welche Freiräume Ihr Mitarbeiter schützen will, bevor Sie sie versehentlich zerlegen.
  4. „Wo haben Sie sich in den letzten zwei Wochen über etwas geärgert?“ – Ärger ist der ehrlichste Frühindikator. Widerstehen Sie dem Reflex, ihn sofort zu relativieren.
  5. „Welche Aufgabe kostet Sie im Moment mehr Kraft, als sie sollte?“ – Findet Reibungsverluste, bevor sie zur Überlastung werden.
  6. „Was davon können Sie selbst lösen – und wo brauchen Sie mich?“ – Die Sortierfrage. Lassen Sie die erste Hälfte bewusst stehen.
  7. „Gibt es etwas, das Sie mir schon länger sagen wollten, wofür nie der richtige Moment war?“ – Die Tür für die großen Themen. Nicht in jedem Termin stellen – und danach vier Sekunden schweigen.
  8. „Was sollte ich als Ihre Führungskraft öfter tun – und was seltener?“ – Feedback nach oben kommt fast nie von allein. Die Doppelstruktur rahmt Kritik als Dosierungsfrage, nicht als Urteil.
  9. „Was nehmen Sie sich bis zu unserem nächsten Termin vor?“ – In seinen Worten, nicht in Ihren. Ein selbst formulierter Vorsatz hält besser als ein diktierter Auftrag.
  10. „Woran merken wir beide, dass es ein guter Monat war?“ – Schafft ein gemeinsames Erfolgsbild jenseits der Kennzahlen.

Wenn Sie nur eine einzige Veränderung umsetzen wollen: Beginnen Sie den nächsten Jour fixe nicht mit Ihrer Liste, sondern mit Frage 1 oder 2 – und schweigen Sie dann.

Fragen nach Stärken und Motivation

In der Übergabe seines Vorgängers stand über die Mitarbeiterin ein einziger Satz: „Läuft, braucht keine Betreuung.“ Sie ist das, was man unauffällig gut nennt: zuverlässig, still, nie auffällig. Standardfragen prallen an ihr ab – auf „Wie läuft es denn so?“ kommt „Gut, danke“.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster mit System: Die Lauten bekommen Aufmerksamkeit und die interessanten Projekte, weil ihre Wünsche im Raum stehen. Die Stillen bekommen die Zuschreibung „zufrieden“, weil sie nicht widersprechen – bis sie kündigen. Fragen Sie deshalb über konkrete Erlebnisse statt über Selbsteinschätzungen:

  • „Bei welcher Aufgabe vergessen Sie die Zeit?“ – Wo jemand die Zeit vergisst, liegen Stärke und Motivation übereinander.
  • „Welcher Arbeitstag im letzten halben Jahr war für Sie richtig gut – und was hat ihn dazu gemacht?“ – Liefert Material statt Meinung.
  • „Was können Sie besser als die meisten hier – auch wenn Sie es selbst nie so sagen würden?“ – Der Nachsatz ist der Schlüssel: Er erlaubt der Bescheidenen, etwas auszusprechen, ohne sich anzugeben.
  • „Wofür bekommen Sie von Kolleginnen und Kollegen am häufigsten Dank oder Anerkennung?“ – Das Fremdbild entlastet und fördert die unsichtbaren Beiträge zutage.
  • „Welche Ihrer Fähigkeiten nutzen wir hier viel zu wenig?“ – Das „wir“ macht die Unternutzung zum gemeinsamen Versäumnis, nicht zum Vorwurf.
  • „Welcher Teil Ihrer Woche gibt Ihnen Energie – und welcher zieht Energie?“ – Macht sichtbar, was Zufriedenheits-Durchschnittswerte verdecken.
  • „Was müsste Ihre Arbeit haben, damit Sie montags gern kommen?“ – Bündelt alles in ein Wunschbild.

Ein realistisches Wort dazu: Rechnen Sie nicht damit, dass ein einziges Gespräch die stille Mitarbeiterin verwandelt. Rechnen Sie damit, dass sie prüft, was mit ihren Antworten passiert. Folgt drei Wochen später eine passende Aufgabe, haben Sie mehr für die Offenheit getan als mit jeder weiteren Frage. Folgt nichts, war es das letzte ehrliche Gespräch dieser Art.

Fragen nach Entwicklungs- und Karrierewünschen

Beginnen Sie ohne Festlegung beim Wunschbild, klären Sie dann Richtung und Hindernisse, machen Sie den Realitätscheck und enden Sie beim ersten konkreten Schritt:

  • „Wo sehen Sie sich in drei Jahren, wenn alles nach Ihren Vorstellungen läuft?“ – Der Nachsatz erlaubt Antworten jenseits des Erwartbaren. Lassen Sie auch ein zögerliches „Ich weiß es nicht“ stehen.
  • „Zieht es Sie eher fachlich in die Tiefe oder in Richtung Führung?“ – Die wichtigste Weiche. Sagen Sie ausdrücklich dazu, dass beide Antworten gleich viel wert sind – sonst antwortet Ihr Gegenüber, was er für erwünscht hält.
  • „Welche Aufgabe würden Sie gern einmal ausprobieren, ohne sich gleich festzulegen?“ – Ausprobieren ist kein Versprechen, in keine Richtung.
  • „Wessen Werdegang in diesem Unternehmen finden Sie beeindruckend – und warum?“ – Am Warum erkennen Sie, was wirklich anzieht: Fachtiefe, Sichtbarkeit oder Gestaltungsmacht.
  • „Was hält Sie im Moment davon ab, den nächsten Schritt zu gehen?“ – Bewerten Sie die Antwort nicht; würdigen Sie, dass sie ausgesprochen wurde.
  • „Was davon können wir in Ihrem jetzigen Job schon üben?“ – Die Brücke zurück in den Alltag. Entwicklung beginnt mit der nächsten Aufgabe, nicht mit der neuen Stelle.
  • „Was erwarten Sie auf diesem Weg von mir?“ – Macht aus dem Vorhaben eine gemeinsame Abmachung. Notieren Sie die Antwort wörtlich – an ihr werden Sie gemessen.

Die Sorge, die viele von diesem Gespräch abhält, lautet: Was, wenn der Wunsch aus meinem Team hinausführt? Dann wissen Sie es – und das ist besser, als es nicht zu wissen. Ein Mitarbeiter, der intern wechselt und Ihnen vorher vertraut hat, bleibt dem Unternehmen erhalten und Ihnen verbunden. Und öfter, als man denkt, steckt hinter einer stillen Bewerbung kein Fernweh, sondern der Eindruck, am jetzigen Platz nicht gesehen zu werden.

Fragen, wenn jemand überlastet wirkt

Überlastung kündigt sich an – nur selten mit Worten. Mails um 23:40 Uhr, zwei kurzfristig abgesagte Urlaubstage, und im Montagsmeeting fährt jemand einen Kollegen wegen einer Kleinigkeit an. Auf das beiläufige „Alles okay bei Ihnen?“ im Flur kommt ein glattes „Klar.“ Natürlich kommt es das: Zwischen Tür und Angel ist „Klar“ die einzige Antwort, die nicht wehtut.

Setzen Sie deshalb ein richtiges Gespräch an: eine halbe Stunde, Tür zu, Handy weggedreht. Schon die Einladung ist eine Botschaft.

  • „Wie voll ist Ihr Teller gerade – ehrlich gesagt?“ – Das „ehrlich gesagt“ signalisiert, dass Sie keine Tapferkeit hören wollen.
  • „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie nah sind Sie an Ihrer Belastungsgrenze?“ – Eine 8 kommt leichter über die Lippen als „Ich kann nicht mehr“. Diskutieren Sie die Zahl nicht, arbeiten Sie mit ihr.
  • „Wie lange geht das schon so?“ – Trennt die anstrengende Woche von der chronischen Überlast.
  • „Was ist der Brocken, der alles andere erdrückt?“ – Meist ist es nicht die Menge, sondern ein einzelnes Thema.
  • „Was davon habe ich Ihnen aufgeladen, ohne die Gesamtlast zu sehen?“ – Vielleicht die wichtigste Frage des Gesprächs: Sie macht Ehrlichkeit gefahrlos.
  • „Welche Aufgaben könnten warten, ohne dass etwas Schlimmes passiert?“ – Lassen Sie sortieren; Ihr Gegenüber kennt die Konsequenzen besser.
  • „Was streichen oder verschieben wir noch diese Woche von Ihrer Liste?“ – „Diese Woche“ ist der Prüfstein, ob das Gespräch Folgen hat.
  • „Wann schauen wir gemeinsam nach, ob die Entlastung wirkt?“ – Zwei bis drei Wochen sind ein guter Abstand.

Genauso wichtig ist, was Entlastung nicht ist. „Sagen Sie rechtzeitig Bescheid, wenn es zu viel wird“ ist keine Entlastung – es delegiert die Verantwortung für die Grenze an den Menschen, der sie gerade nicht mehr sieht. Entlastung heißt, dass sich die Liste ändert: Etwas fällt weg, wird verschoben oder wandert zu jemand anderem, und zwar durch Ihre Entscheidung. Wenn das Gespräch Sie nichts kostet, war es vermutlich keine Entlastung.

Und die Grenze: Sie führen dieses Gespräch als Führungskraft, nicht als Ärztin. Diagnosen und Fragen nach Schlaf oder Privatleben stehen Ihnen nicht zu. Ihr Feld ist die Arbeitslast.

Buchcover: Fragen, die führen (Band 2)

Fragen, die führen (Band 2)

Die sieben Fragetypen, fertige Fragen-Sequenzen für zwölf Führungssituationen und ein Vier-Wochen-Übungsplan. Alle Werkzeuge aus diesem Artikel finden Sie dort ausführlich – mit Formulierungen zum Vorlesen und Bögen zum Ausfüllen.

Diese Fragen sollten Sie nicht stellen

  • „Und sonst so, alles gut?“ – Die Floskel signalisiert: Ich will eigentlich keine Antwort. Sie produziert zuverlässig ein „Ja, passt“.
  • „Sie haben doch keine Probleme, oder?“ – Suggestiv und geschlossen zugleich. Wer unbedingt Nein hören will, bekommt es auch.
  • „Warum ist Projekt X noch nicht fertig?“ – Verwandelt den geschützten Raum in eine Rechenschaftsprüfung. Statusfragen gehören in den Projektstatus.
  • „Was sind Ihre Schwächen?“ – Der Bewerbungs-Reflex erzeugt einstudierte Antworten.
  • „Warum sagen Sie das erst jetzt?“ – Bestraft die Offenheit in genau dem Moment, in dem sie entsteht. Beim nächsten Mal erfahren Sie es gar nicht.

Notieren Sie sofort – und mit Ansage

Halten Sie das Gespräch direkt danach fest, fünf Minuten reichen. Ein brauchbares Raster hat sieben Zeilen: Anlass · gestellte Fragen · wichtigste Antwort · was sich mein Mitarbeiter vorgenommen hat · welche Erkenntnis in keiner Liste stand · was ich laut Rückmeldung öfter oder seltener tun sollte · nächster Schritt mit Nachschau-Datum.

Und sagen Sie im Gespräch einen Satz dazu: „Ich schreibe mit, damit nichts verloren geht.“ Dieser Satz verwandelt den Block auf dem Tisch von einem Überwachungsinstrument in ein Kompliment. Ein Nebeneffekt, der keiner ist: Wer mitschreibt, redet weniger. Der Stift ist ein natürlicher Verbündeter der Pause.

Wie Sie ein Gespräch strukturiert vorbereiten, lesen Sie unter Mitarbeitergespräch vorbereiten; für den Jahresturnus siehe Jahresgespräch vorbereiten. Die Herkunft der Skalen- und Perspektivfragen erklärt der Ratgeber Systemische Fragetechniken.

Häufige Fragen zum Mitarbeitergespräch

Was sind gute Coaching-Fragen für Führungskräfte?
Gute Coaching-Fragen im Führungsalltag sind kurz, offen und ohne eingebaute Antwort – und sie passen zum Anlass. Für das 1:1 eignet sich „Was war für Sie die wichtigste Sache seit unserem letzten Gespräch?“, für Stärken „Bei welcher Aufgabe vergessen Sie die Zeit?“, für Belastung „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie nah sind Sie an Ihrer Belastungsgrenze?“. Entscheidend ist nicht die Menge: Drei gute Fragen mit echtem Zuhören dazwischen sind ein Gespräch, zehn wären ein Verhör.
Wie viele Fragen sollte ich in einem Mitarbeitergespräch stellen?
Drei bis fünf. Eine Fragen-Sequenz ist ein Pfad, kein Fragebogen: Wählen Sie die Fragen aus, die heute passen, und halten Sie die Reihenfolge grob ein – öffnen, vertiefen, zuspitzen, vereinbaren. Wechseln Sie die Auswahl von Termin zu Termin, damit kein neues Ritual entsteht. Die stärksten Fragen wirken gerade dann, wenn sie nicht jedes Mal kommen.
Welche Fragen sollte ich im Mitarbeitergespräch vermeiden?
Vier Klassiker: „Und sonst so, alles gut?“ signalisiert, dass Sie keine Antwort wollen. „Sie haben doch keine Probleme, oder?“ ist suggestiv und geschlossen zugleich. „Warum ist Projekt X noch nicht fertig?“ verwandelt den geschützten Raum in eine Rechenschaftsprüfung. Und „Was sind Ihre Schwächen?“ erzeugt einstudierte Bewerbungsantworten statt Selbstauskunft.
Wie bringe ich stille Mitarbeiter zum Reden?
Fragen Sie über Erlebnisse statt über Selbsteinschätzungen und über das Fremdbild statt über das eigene Urteil: „Welcher Arbeitstag im letzten halben Jahr war für Sie richtig gut – und was hat ihn dazu gemacht?“ oder „Wofür bekommen Sie von Kollegen am häufigsten Dank?“. Der Nachsatz „auch wenn Sie es selbst nie so sagen würden“ erlaubt es, etwas auszusprechen, ohne sich anzugeben. Und halten Sie nach jeder Frage vier Sekunden Stille aus.
Wo hört Fragetechnik im Mitarbeitergespräch auf?
Beim Thema Gesundheit. Sie führen das Gespräch als Führungskraft, nicht als Ärztin oder Therapeutin. Diagnosen, Fragen nach Schlaf, Medikamenten oder Privatleben stehen Ihnen nicht zu und helfen auch nicht. Ihr Feld ist die Arbeitslast: was auf dem Teller liegt, was davon Sie selbst daraufgelegt haben und was herunterkann. Bei Anzeichen einer echten Krise braucht es ein anders gerahmtes Fürsorgegespräch.

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